capulcu: DIVERGE! - Abweichendes vom rückschrittlichen „Fortschritt“

veröffentlicht am 27. Mai 2020

Mitten in der Coronakrise ist unser fünfter Band aus der Reihe "Hefte zur Förderung des Widerstands gegen den Technologischen Angriff" fertig geworden. Ihr könnt ihn hier oder bei capulcu.blackblogs.org herunterladen, bei capulcu als gedrucktes Heft bestellen oder bald in eurem Infoladen bekommen.

Die derzeitige Coronakrise macht ein Abweichen (engl.: diverge) von technokratisch vorgegebenen Pfaden nicht gerade leichter, aber umso notwendiger. Erschienen Ansätze der Verhaltensökonomie den meisten (zumindest hier in Deutschland) noch vergleichsweise subtil „zukünftig“, präsentieren sich derartige Methoden zum Bevölkerungsmanagement seit der Corona-Pandemie wie entfesselt.

Wir erleben einen modernen Rückschritt in paternalistische Verhaltenslenkungsmuster, die bereits vor 70 Jahren nicht „fortschrittlich“ waren. Ihren leider hochaktuellen Ausprägungen in der Gesundheits- und Klimakrise sowie ihren Wurzeln in der Kybernetik und dem eng verwandten Behaviorismus wollen wir in diesem Heft nachgehen.

Wie auch den globalen Machtverschiebungen und (sozial und wirtschafts)-kriegerischen Auseinandersetzungen im Kampf um die technologisch-politische Vorherrschaft. Im Zuge der Pandemie wird auch das Verhältnis zwischen politischen Eliten und den technologischen Avantgarden durch den Schub des „digitalisierenden Virus“ neu ausgerichtet. Auch hier spielt die Initiative, eine digitale und global einsetzbare Währung auf den Weg zu bringen, eine Rolle.

Die umbrechenden technologischen Entwicklungen der letzten Jahre werden uns stetig und mit allergrößten Bemühungen als Fortschritt verkauft. Unsere Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe werden immer wieder in die Waagschale geworfen, um zu zeigen, dass wir ohne die rasante technologische Entwicklung „nicht zu retten“ sind. Die Technokratie und in ihrer Gefolgschaft der „Solutionismus“ mit seinen vermeintlich unideologischen „Problemlösern“ lösen mittlerweile nicht nur Probleme, die wir zuvor nicht hatten, sie verschärfen drängende Probleme und erschaffen dabei unsinnig viele neue. Insbesondere im Bereich der Klimakrise sorgt das für eine verheerende Rückschrittlichkeit des technokratischen „Fortschritts“. Dass nach dem ökologischen Desaster der Abwrackprämie vor zehn Jahren überhaupt noch über eine Neuauflage als Kaufanreiz in der Coronakrise öffentlich nachgedacht werden kann, ist ein Ergebnis dieser kollektiv eingeübten Rückschrittlichkeit.

Der Einfluss der Tech-Giganten auf die Ökonomisierung der entlegensten Lebensbereiche nimmt stetig zu. Soziale Punktesysteme verlängern mit ihrem permanenten ›Rating‹ und ›Scoring‹ die Reichweite der lenkenden Disziplinierung weit über die direkte Ausbeutung im Arbeitsverhältnis hinaus. Es ist zu befürchten, dass wir noch sehr viel länger an den Folgen des pandemischen Ausnahmezustands knabbern werden, der sich dadurch auszeichnet, dass partielle Grundrechte zunächst temporär außer Kraft gesetzt oder in bedingte Zugeständnisse verwandelt werden. Dem pandemischen Ausnahmezustand droht wie schon dem „Ausnahmezustand“ durch den War on Terror durch die (berechtigte) Befürchtung neuer Corona-Wellen bzw. neuer Virenstämme die Verstetigung. Ein etwaiger War on Virus verfügt dabei über eine ungleich größere Kapazität gesellschaftlicher Umgestaltung. Der Imperativ der „sozialen Distanzierung“ ermöglicht den Eingriff in das Leben einer beliebig großen Gruppe von viralen Gefährder*innen bis hin zur Isolation im Sinne des Gemeinwohls – mit der Coronakrise sind alle zu Gefährder*innen geworden.

Bevormundende Verhaltenslenkung in hoch individualisierter Form lässt sich damit viel umfassender entwickeln. Kommende Beschränkungen im Zuge zukünftiger Epidemien brauchen dann nicht mehr per „Allgemeinverfügung“ für alle geregelt werden. Stattdessen lässt ich feinkörnig vermessen, wer (per App) zur virologischen Gefahr erklärt wird und wer sich frei bewegen darf. Das ist zweifellos Gift für gesellschaftliche Solidarität. Letztere erfordert Mündigkeit und eigenverantwortliches Handeln statt autoritär verordnete (auch künstlich intelligente) Verhaltenslenkung. Es sind nicht irgend eine Ausgangssperre oder App, die uns schützen. Was uns schützt, ist unser Verhalten in solidarischer Selbstverantwortung.

Und daher müssen wir insbesondere eine raumgreifende Sozial-Technokratie angreifen, die sich in Ausnahmezuständen wie der Corona-Krise Akzeptanz verschafft. Ganz gleich, ob ihre Werkzeuge der Verhaltenslenkung dem chinesischen Shenzhen, dem US-amerikanischen Silicon Valley oder einem Problemlöser-Startup im hippen Berlin entspringen.

In unseren Heften haben wir immer wieder dargelegt, worin der gesellschaftliche Rückschritt in diesen Technologien besteht und dass sie als Teil einer gesellschaftlichen Transformation funktionieren, die sich ohne weiteres einordnen lässt in historische Prozesse der letzten Jahrhunderte. Aber wir haben auch immer wieder Widerstände beleuchtet, die sich diesem Technologischen Angriff entgegenstellen. Widerstände, die den rückwärts gewandten Fortschrittsmarsch nicht mitgehen und Abweichendes bzw. Abzweige (ver-)suchen. Einige unserer Texte wagen daher den Sprung über die Leitplanke und beleuchten, welche gesellschaftlichen Prozesse jenseits der offensichtlichen Veränderungen angestoßen werden und was dies für unseren Widerstand bedeutet. Um unseren oftmals eurozentristischen Blick zu weiten, setzen wir uns in diesem Band auch kritisch mit den Protesten in Hongkong auseinander, wo eine Bewegung massiv auf Technologie setzt.

Inhalt:
1 Einleitung
2 Der neue Griff nach der weltmacht
4 Libra
9 Eine Art von „Krieg“ oder das wüten des „digitalisierenden Virus“
16 die „freiwillige“ Corona-App
24 Behaviorismus und KyBernetik - Grundlagen der Verhaltenslenkung
27 Horizonte überschreiten - ein Gastbeitrag
33 KI zur programmatischen Ungleichbehandlung - Entsolidarisierung durch technokratischen Solutionismus
40 Weniger Ärztin im Künstlich intelligenten Gesundheitssystem - Digitalisierung mit Nebenwirkungen
46 Ökotechnokratie - „smarte“ Ökologie von oben
51 Hongkong
60 Widerstand gegen die Individualisierung des Sozialen durch den technologischen Angriff
64 Dokumentierte Widerstände
77 Glossar

https://de.indymedia.org/sites/default/files/2020/05/DIVERGE-small.pdf

Weiterlesen

zum Thema Anti-Kapitalismus:

zum Thema Hacktivismus & Netzpolitik:

zum Thema Technologiekritik: