Gender Nihilismus: Ein Anti-Manifest

veröffentlicht am 13. Februar 2020

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Originaltitel: Gender Nihilism. An Anti-Manifesto. aus What is Gender Nihilism? A Reader.

Einführung

Wir befinden uns in einer Sackgasse. Die aktuelle Politik der Trans-Befreiung hat sich auf ein erlösendes Verständnis von Identität gestürzt. Ob durch die Diagnose eines:einer Ärzt:in [1] oder Psycholog:in oder durch eine persönliche Selbstbestätigung in Form einer sozialen Äußerung sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es eine innere Wahrheit von Geschlecht gibt, die wir aufspüren müssen.

Eine endlose Folge positiver politischer Projekte haben den Weg abgesteckt, den wir derzeit eingeschlagen haben, eine unendliche Folge von Pronomen, Pride-Flaggen und Bezeichnungen. Die derzeitige Trans-Bewegung hat versucht, die Geschlechterkategorien zu erweitern, in der Hoffnung, dass wir den Schaden, den sie anrichten, verringern können. Das ist naiv.

Judith Butler bezeichnet Gender als „den Apparat durch den die Erzeugung und Normalisierung von Maskulinum und Femininum stattfindet, gemeinsam mit den interstitiellen Formen des Hormonellen, Chromosomalen, Psychischen und Performativen, von denen Gender ausgeht.“ Wenn die derzeitige liberale Politik unserer trans Genoss:innen und -Geschwister versucht, die sozialen Dimensionen, die von diesem Apparat erzeugt werden, zu erweitern, ist unsere Arbeit das Verlangen, sie auf ihre Grundfesten niederbrennen zu sehen.

Wir sind Radikale, die genug von den Versuchen haben, Gender zu retten. Wir glauben nicht, dass wir es für uns nutzen können. Wir betrachten die Transmisogynie, die wir in unseren eigenen Leben erfahren haben, die vergeschlechtlichte Gewalt, die sowohl unsere trans, als auch cis Genoss:innen erfahren haben und wir begreifen, dass der Apparat selbst diese Gewalt zwangsläufig mit sich bringt. Wir haben genug davon.

Wir wollen kein besseres System schaffen, da wir kein Interesse an positiver Politik haben. Alles was wir gegenwärtig fordern ist ein schonungsloser Angriff auf Gender und dessen soziale Bedeutungsweisen und Verständnis.

Diesem Gender Nihilismus liegen einige Prinzipien zugrunde, die im folgenden detailliert untersucht werden: Antihumanismus als Fundament und Eckpfeiler, die Abschaffung von Gender als Verlangen und radikale Negativität als Methode.
Antihumanismus

Antihumanismus ist die Grundlage, die eine Gender-nihilistische Analyse verbindet. Es ist der Punkt, von dem wir beginnen, unsere derzeitige Situation zu begreifen, er ist essentiell. Mit Antihumanismus meinen wir eine Zurückweisung des Essentialismus. Es gibt keinen wesenhaften Menschen. Es gibt keine menschliche Natur. Es gibt kein transzendentes Selbst. Subjekt zu sein bedeutet nicht, einen allgemeinen metaphysischen Zustand des Seins (Ontologie) mit anderen Subjekten zu teilen.

Das Selbst, das Subjekt ist ein Produkt von Macht. Das „Ich“ in „Ich bin ein Mann“ oder „Ich bin eine Frau“ ist kein „Ich“, das über diese Aussagen hinausgeht. Diese Aussagen enthüllen keine Wahrheit über das „Ich“, sie konstituieren dieses „Ich“ vielmehr. Männer und Frauen existieren nicht als Bezeichnungen für bestimmte methaphysische oder essentialistische Kategorien des Seins, sie sind vielmehr diskursive, soziale und linguistische Symbole, die historisch bedingt sind. Sie entwickeln und verändern sich mit der Zeit, aber ihre Auswirkungen wurden schon immer durch Macht bestimmt.

Wer wir sind, der eigentliche Kern unseres Wesens liegt vielleicht gar nicht in den kategorischen Gefilden des Seins. Das Selbst ist eine Annäherung von Macht und Diskursen. Jedes Wort, dass du nutzt, um dich selbst zu definieren, jede Kategorie der Identität, in der du dich selbst verortest, ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung von Macht. Weder Gender, Race, Sexualität noch irgendeine andere normative Kategorie verweist auf eine Wahrheit über den Körper oder den Geist des Subjekts. Diese Kategorien konstruieren das Subjekt und das Selbst. Es gibt kein statisches Selbst, kein konsistentes „Ich“, kein die Zeiten überdauerndes Subjekt. Wir können nur mit der gegebenen Sprache auf ein Selbst verweisen und diese Sprache hat sich in der Geschichte radikal verändert und verändert sich auch weiter in unserem tagtäglichen Leben.

Wir sind nichts als die Annäherung von vielen verschiedenen Diskursen und Sprachen, die gänzlich außerhalb unseres Einflusses liegen und dennoch empfinden wir das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wir steuern diese Diskurse, untergraben sie gelegentlich und überleben sie stets. Die Fähigkeit zu steuern weist nicht auf ein metaphysisches Selbst, das aufgrund eines Gefühls von Handlungsfähigkeit handelt, hin, sondern lediglich darauf, dass es eine symbolische und diskursive Lockerheit gibt, die unsere Konstitution umgibt.

Wir verstehen Gender folglich innerhalb dieser Bedingungen. Wir begreifen Gender als eine spezifische Konstellatiuon von Diskursen, die durch Medizin, Psychiatrie, den Sozialwissenschaften, Religion und durch unseren täglichen Umgang mit Anderen verkörpert werden. Wir sehen Gender nicht als Bestandteil unseres „wahren Selbst“, sondern als gesamte(s) Bedeutungsordnung und Verständnis, in der/dem wir uns wiederfinden. Wir betrachten Gender nicht als eine Sache, die ein beständiges Selbst besitzen könnte. Wir behaupten im Gegenteil, dass Gender gemacht wird und an dem teilgehabt wird und dass dieses Tun ein kreativer Akt ist, durch den das Selbst geschaffen wird und ihm sozialer Ausdruck und Bedeutung verliehen wird.

Unsere Radikalität kann hier nicht enden. Wir behaupten weiter, dass der historische Beweis erbracht werden kann, dass Gender auf diese Art und Weise funktioniert. Die Arbeit vieler dekolonialer Feminist:innen war richtungsweisen darin zu zeigen, wie westliche Genderkategorien indigenen Gesellschaften gewaltsam auferlegt wurden und wie das eine vollständige linguistische und diskursive Veränderung bewirkt hat. Der Kolinialismus schuf neue Genderkategorien und mit ihnen neue gewaltsame Möglichkeiten ein bestimmtes Set vergeschlechtlichter Normen zu verfestigen. Die wahrnehmbaren und kulturellen Aspekte von Maskulinität und Feminität haben sich über die Jahrhunderte verändert. Es gibt kein statisches Gender.

Das Ganze hat eine praktische Bedeutung. Die Frage des Humanismus vs. Antihumanismus ist die Frage auf der die Debatte zwischen dem libreralen Feminismus und der nihilistischen Genderbeseitigung aufbauen wird.

Die:der liberale Feminist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und dadurch ist sie:er spirituell, ontologisch, metaphysisch, genetisch oder in jeder anderen Form des „essentiellen“ eine Frau.

Die:der Gender Nihilist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und meint, das sie:er sich innerhalb einer Matrix der Macht, die sie:ihn als solche konstituiert, an einer bestimmten Stelle befindet.

Der:die liberale Feminist:in ist sich der Arten, auf die die Macht Gender konstruiert nicht bewusst und klammert sich daher an Gender als Mittel, um sich in den Augen der Macht zu legitimieren. Sie:er vertraut darauf, zu versuchen, verschiedene Wissenssysteme (genetische Wissenschaft, Methaphysische Behauptungen über den Geist, kantianische Ontologie) zu nutzen, um der Macht zu beweisen, dass sie:er darin funktionieren kann.

Die:der Gender Nihilist:in, die:der Gender Abolitionist:in betrachtet das System von Gender selbst und sieht die Gewalt in seinem Kern. Wir sagen Nein zu einer positiven Wahrnehmung von Gender. Wir wollen es tot sehen. Wir wissen, dass jedes Bittstellen an die derzeitigen Konstellationen der Macht immer eine liberale Falle ist. Wir verweigern uns, uns selbst zu legitimieren.

Es ist wichtig, dass das verstanden wird. Antihumanismus verleugnet nicht die gelebten Erfahrungen vieler unserer trans Geschwister, die Gender seit jungen Jahren erfahren haben. Vielmehr würdigen wir, dass eine solche Erfahrung von Gender immer bereits durch die Bedingungen der Macht bestimmt war. Wir betrachten unsere eigenen Erfahrungen in unserer Kindheit. Wir sehen, dass wir sogar mit der regelwidrigen Aussage „Wir sind Frauen“, womit wird die Kategorie, die die Macht unseren Körpern auferlegt hatte, zurückwiesen, die Sprache des Genders sprachen. Wir verwiesen auf einen Begriff von „Frau“, der nicht in uns als beständige Wahrheit existiert, sondern wir verwiesen auf die Diskurse, durch die wir konstituiert wurden.

Dadurch bestätigen wir, dass es kein wahres Selbst gibt, dass dem Diskurs, den Begegnungen mit anderen, der Vermittlung des Symbolischen voraus geht. Wir sind Produkte der Macht, also was sollen wir tun? Wir beenden unsere Erkundung des Antihumanismus mit der Rückkehr zu den Worten von Butler:

„Meine Handlungsfähigkeit besteht nicht darin, diesen Umstand meiner Konstitution zu leugnen. Wenn ich irgendeine Handlungsfähigkeit besitze, wird sie mir durch die Tatsache eröffnet, dass ich durch eine soziale Welt, die ich nie gewählt habe, konstituiert werde. Dass meine Handlungsmöglichkeit von Paradoxen zerklüftet wird bedeutet nicht, dass sie unmöglich ist. Es bedeutet nur, dass die Bedingung ihrer Möglichkeit paradox ist.“
Die Abschaffung von Gender

Wenn wir akzeptieren, dass Gender nicht in uns selbst als transzendente Wahrheit gefunden werden kann, sondern vielmehr außerhalb von uns in den Gefilden des Diskurses zu finden ist, wonach streben wir dann? Zu sagen, dass Gender diskursiv ist, bedeutet, dass Gender nicht als metaphysische Wahrheit innerhalb des Subjekts existiert, sondern als vermittelndes Instrument sozialer Interaktion auftritt. Gender ist ein Rahmen, eine Teilmenge von Sprache und eine Mege von Symbolen und Zeichen, die zwischen und kommunizieren, uns konstruieren und von uns beständig reproduziert werden.

Demzufolge funktioniert der Apparat von Gender zyklisch: Ebenso wie wir durch ihn konstituiert werden, wird er durch unsere täglichen Handlungen, Rituale, Normen und Performances reproduziert. Es ist diese Erkenntnis, die die Manifestation einer Bewegung gegen diesen Kreislauf möglich macht. Eine solche Bewegung muss die zutiefst durchdringende und um sich greifende Natur dieses Apparates verstehen. Die Normierung naturalisiert, vereinnahmt und subsumiert Widerstand auf heimtückische Art und Weise.

An diesem Punkt mag es verlockend sein, sich einer bestimmten liberalen Politik der Expansion zu bedienen. Zahllose Theoretiker:innen und Aktivist:innen sind dem Irrtum erlegen, dass unsere Erfahrungen der transgender Verkörperung eine Bedrohung für den Prozess der Normierung, den Gender darstellt, sein könnte. Wir haben den Vorschlag vernommen, dass nichtbinäre Identität, trans Identität und queere Identität in der Lage wären, eine Subversion von Gender zu erzeugen. Das ist nicht der Fall.

Indem wir uns innerhalb der identitären Bezeichnungen des nicht-binären verorten finden wir uns immer wieder in den Gefilden von Gender gefangen. Identität in der Ablehnung von Geschlechterbinarität anzunehmen bedeutet immer noch, die Binarität als Referenzpunkt zu wählen. Durch den Widerstand gegen sie rekonstruiert eine:r nur den normativen Status des Binären. Normen wurden bereits durch Widerspruch begründet, sie legten die Grundlagen und Sprachen, durch die Widerspruch ausgedrückt werden kann. Nicht nur, dass unser verbaler Einspruch findet in der Sprache von Gender statt, auch die Aktionen, die wir unternehmen um Gender durch unsere Kleidung und unser Verhalten zu untergraben sind selbst nur subversiv durch ihren Verweis auf die Norm.

Wenn eine Identitätspolitik nichtbinärer Identität uns nicht befreien kann, verspricht uns auch eine queere oder trans Identitätspolitik keine Hoffnung. Beide treten in die gleich Falle, auf die Norm zu verweisen, indem sie versuchen Gender anders zu „machen“. Solche Politiken basieren auf der Logik von Identitäten, die selbst ein Produkt moderner und gegenwärtiger Diskurse der Macht sind. Wie wir bereits ausführlich gezeigt haben, kann es keine beständige Identität geben, auf die wir uns beziehen können. Folglich ist jeder Rekurs auf eine revolutionäre oder emanzipatorische Identität nur ein Rekurs auf einen bestimmten Diskurs. In diesem Fall ist dieser Diskurs Gender.

Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die sich als trans, queer oder nichtbinär identifizieren, für Gender verantwortlich wären. Das ist der Fehler des traditionellen radikalen feministischen Ansatzes. Wir lehnen solche Behauptungen ab, da sie bloß diejenigen angreifen, die am meisten unter Gender leiden. Selbst wenn die Abweichung von der Norm diese stets begründet und neutralisiert wird, wird sie verdammt noch mal immer noch bestraft. Der queere, der trans, der nichtbinäre Körper ist immer noch massiver Gewalt ausgesetzt. Unsere Geschwister und Genoss*innen um uns herum werden noch immer ermordet, leben in Armut und im Schatten. Wir verraten sie nicht, denn das würde bedeuten uns selbst zu verraten. Stattdessen rufen wir zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer Politik auf und wünschen uns einen neuen Weg vorwärts.

Mit dieser Einstellung sind es nicht nur bestimmte Konstellationen von Identitätspolitik, die wir bekämpfen wollen, sondern das Bedürfnis nach Identität im Allgemeinen. Wir behaupten, dass die immer erweiterte Liste persönlich präferierter Pronomen, die zunehmenden und immer ausgefeilteren Labels für verschiedene Ausdrucksweisen von Sexualität und Gender und der Versuch, neue identitäre Kategorien vielseitiger zu schaffen, die Anstrengung nicht wert sind.

Nachdem wir erkannt haben, dass Identität keine Wahrheit, sondern eine soziale und diskursive Konstruktion ist, können wir begreifen, dass die Schaffung dieser neuen Identitäten nicht die plötzliche Entdeckung von zuvor unbekannter gelebter Erfahrung ist, sondern vielmehr die Schaffung neuer Begriffe mit denen wir konstituiert werden können. Alles was wir tun, wenn wir die Genderkategorien erweitern ist die Schaffung neuer, ausgefeilterer Kanäle, durch die die Macht wirken kann. Wir befreien uns nicht selbst, wir umgarnen uns mit unzähligen und noch ausgefeilteren und machtvolleren Normen. Jede bildet ein neues Glied in der Kette.

Diese Terminologie zu gebrauchen ist nicht übertrieben, die Gewalt von Gender kann nicht überschätzt werden. Jede ermordete trans Frau, jedes zwangsoperierte intersexuelle Kind, jedes niedergeschlagene queere Kind ist ein Opfer von Gender. Die Abweichung von der Norm wird immer bestraft. Auch wenn Gender Abweichungen vereinnahmt, werden sie dennoch bestraft. Erweiterungen der Normen sind eine Ausweitung von Abweichungen, sie sind eine Erweiterung der Wege, auf denen wir von einem diskursiven Ideal abweichen können. Unendliche Genderidentitäten schaffen undendliche neue Räume für Abweichung, die gewaltsam bestraft werden. Gender muss Abweichungen bestrafen, deshalb muss Gender verschwinden.

Und daher halten wir eine Abschaffung von Gender für notwendig. Wenn alle unsere Versuche bei positiven Projekten der Erweiterung zu kurz griffen und uns nur in neue Fallen gelockt haben, müssen wir auf einen anderen Ansatz zurückgreifen. Dass die Erweiterung von Gender gescheitert ist, impliziert nicht, dass eine Verringerung unseren Zwecken dienen würde. Ein solcher Impuls ist zutiefst reaktionär und muss beseitigt werden.

Die reaktionären radikalen Feminist*innen sehen die Abschaffung von Gender als eine solche Verringerung. Sie sind der Meinung, dass wir Gender abschaffen müssten, damit Geschlecht [sex] (die physischen Charakteristika des Körpers) eine beständige materielle Basis, aufgrund derer wir gruppiert werden könnten, bilden könne. Wir lehnen das von ganzem Herzen ab. Geschlecht [sex] an sich basiert auf diskursiven Einteilungen, denen durch die Medizin Autorität verliehen wird und die gewaltsam den Körpern intersexueller Individuen auferlegt werden. Wir schreien diese Gewalt nieder.

Nein, eine Rückkehr zu einem einfacheren und geringeren Verständnis von Gender (selbst wenn es scheinbar auf einer materiellen Basis beruht) genügt nicht. Es ist die ursprüngliche, äußerst normative Einteilung von Körpern gegen die wir uns wenden. Weder die Verrringerung, noch die Erweiterung kann uns helfen. Unser einziger Pfad ist die Zerstörung.
Radikale Negativität

Im Herzen unserer Abschaffung von Gender steht eine Negativität. Wir streben nicht danach Gender zu beseitigen, damit wir zu einem wahren Selbst zurückkehren können; Ein solches Selbst gibt es nicht. Es ist nicht so, dass die Abschaffung von Gender uns befreien würde als wahres oder unverfälschtes Selbst zu existieren, frei von bestimmten Normen. Eine solche Schlussfolgerung stünde im Widerspruch zu der Gesamtheit unserer Antihumanistischen Ansprüche. Daher müssen wir einen Sprung ins Nichts wagen.

Hier bedarf es eines Moments leuchtender Klarheit. Wenn das, was wir sind ein Produkt der Diskurse der Macht sind und wir danach streben, diese Diskurse zu beseitigen und zu zerstören, gehen wir das größtmögliche Risiko ein. Wir tauchen ins Unbekannte ein. Die Begriffe, Symbole, Ideen und Realitäten, durch die wir geformt und erschaffen wurden, werden in Flammen aufgehen und wir können weder wissen, noch vorhersagen, was wir sein werden, wenn wir auf der anderen Seite wierder auftauchen.

Das ist der Grund, warum wir uns eine Einstellung radikaler Negativität zu Eigen machen müssen. Alle vorherigen Versuche einer positiven und erweiternden Gender-Politik ließen uns scheitern. Wir müssen aufhören darüber zu mutmaßen, wie Befreiung oder Emanzipation aussehen wird, da diese Ideen selbst auf einer Idee eines Selbst gründen, das einer Prüfung nicht standhält, einer Idee, die die längste Zeit dazu gedient hat, unseren Horizont zu beschränken. Nur die pure Ablehnung, die Abkehr von jeder Form erkennbarer oder verständlicher Zukunft können uns überhaupt die Möglichkeit einer Zukunft bieten.

Auch wenn das ein großes Risiko ist, ist es ein notwendiges. Indem wir ins Unbekannte springen tauchen wir in die Gewässer des Unverstehbaren ein. Diese Gewässer bergen ihre Gefahren und es besteht die reale Möglichkeit des Verlusts des Selbst. Die Begriffe, durch die wir uns gegenseitig verstehen, könnten aufgelöst werden. Aber es gibt keinen anderen Weg aus diesem Dilemma. Wir werden täglich von einem Prozess der Normierung angegriffen, der uns als abweichend codiert. Wenn wir uns nicht in der Bewegung der Negativität verlieren, werden wir vom status quo zerstört. Wir haben nur eine Option, scheiß auf die Risiken.

Dies erfasst die Zwickmühle in der wir uns derzeit befinden genau. Während das Risiko der Aneignung von Negativität hoch ist, wissen wir, dass uns die Alternative zerstören wird. Wenn wir uns in dem Prozess selbst verlieren, haben wir blos das selbe Schicksal erlitten, dass wir andernfalls sowieso erleiden. Daher verweigern wir mit unbekümmerter Hingabe Theorien darüber anzustellen, was eine Zukunft bereithalten mag und was wir in dieser Zukunft sein mögen. Eine Zurückweisung von Bedeutung, eine Zurückweisung von bekannten Möglichkeiten, eine Zurückweisung des Seins selbst. Nihilismus. Das ist unsere Haltung und Methode.

Beständige Kritik positiver Genderpolitik ist demnach ein Anfangspunkt, aber einer der mit Vorsicht genossen werden muss. Denn wenn wir ihre eigenen Untermauerungen zugunsten einer Alternative kritisieren, fallen wir nur wieder der neutralisierenden Macht der Normierung zum Opfer. Daher beantworten wir die Forderung nach einer klar definierten Alternative und nach einem Program von Aktionen, die getan werden müssten mit einem resoluten „Nein“. Die Tage der Manifeste und Tribünen sind vorbei. Die Negation aller Dinge, uns eingeschlossen ist das einzige Mittel durch das wir jemals in der Lage sein werden, irgendetwas zu erreichen.

Anmerkungen

[1] Es mag widersprüchlich wirken, gängige Formen einer gendersensiblen Sprache in der Übersetzung dieses Textes zu reproduzieren. Da die deutsche Sprache im Gegensatz zum Englischen jedoch keine „geschlechtsneutralen“ Bezeichnungen für viele Begriffe kennt und die Reproduktion des generischen Maskulinums so ziemlich das Gegenteil dessen wäre, was in diesem Text vermittelt werden soll, habe ich mich dazu entschieden, eine leichte Abwandlung einer gängigen Variante gendersensibler Sprache zu verwenden und Stern bzw. Unterstrich durch einen Doppelpunkt zu ersetzen [Anm. d. Übers.].

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