(FAZ) Flammende Solidarität mit der Liebig34!

veröffentlicht am 19. Dezember 2019

In der Nacht auf Samstag, den 14.12.2019, haben wir, eine Feministische Autonome Zelle (FAZ), in der Bellermannstraße in Berlin Wedding einen Firmenwagen des Immobilien-Großkonzerns Vonovia angezündet. Das Fahrzeug hat den Angriff scheinbar überlebt, es ist also nicht komplett in Flammen aufgegangen, aber trotz dieses halben Erfolgs bleibt unsere Botschaft: Vonovia ist ein Scheißverein und gehört weiter feurig und farbig attackiert!
Mit dem Angriff auf den größten Immobilienkonzern in Deutschland, berüchtigt für seine unmenschlichen Methoden in der Abpressung von Profit aus Wohnraum senden wir solidarische Grüße an das anarcha-queer-feministische FLINT* Hausprojekt Liebig34, das derzeit akut von Verdrängung bedroht ist. Wehren wir uns gemeinsam gegen kapitalistische Verdrängung, Patriarchat und jede Herrschaft!

Warum Vonovia?
Als größter deutscher Immobilienkonzern besitzt Vonovia allein in Deutschland fast eine halbe Million Wohnungen; in Österreich, Frankreich und Schweden sind es zehntausende weitere. Mit einem jährlichen Umsatz von ca. vier Milliarden Euro und einem Gewinn von einer Milliarde Euro gehört es zu den größten DAX Börsenunternehmen. [1] So verdient der Chef von Vonovia monatlich 400.000€! [2]
Dieser Profit und die satten Gehälter der Manager stammen dabei größtenteils aus dem Geldbeutel von Mieter*innen. [3] Vonovia modernisiert, wo es nur geht, und finanziert das über massivste Erhöhungen von Mieten. [4] So wird der Besitz des Konzerns systematisch aufgewertet und der Profit gesteigert – während Mieter*innen systematisch ihr zu Hause verlieren.
Neben den Immobilien an sich, sind Dienstleistungen ein immer größeres Geschäftsfeld des Unternehmens. Da die Einnahmen durch Mieten und Modernisierungen nicht genug zu sein scheinen, bietet der Konzern über Tochterfirmen immer mehr eben solcher Leistungen rund um die Häuser an. Von Schneeschippen über Treppenhausreinigung bis zur Spielplatzkontrolle – die ausbeuterische Kreativität erscheint fast grenzenlos.
‚Und hier kommen auch die Vonovia-Autos ins Spiel, weiße Transporter, die mit großer Vonovia-Aufschrift in nahezu allen deutschen Innenstädten zu sehen sind. Die gehören als Dienstwägen der sogenannten "Objektbetreuer*innen", streng genommen nicht Vonovia, sondern einem der besagten Tochterunternehmen. […] Die Aufgabe der sogenannten "Objektbetreuer*innen" die mit den Vonovia-Autos rumfahren ist nicht, wie jetzt vielleicht einige denken könnten, notwendige Reparaturen an z.B kaputten Fenstern durchzuführen. Sowas könnte ja durchaus im Interesse der Mieter sein. Reparaturen dürfen den Mieter aber nicht in Rechnung gestellt werden, Instandhaltungsmaßnahmen schon. Dementsprechend erstreckt sich der größte Teil der Aufgaben […] auf allgemeine Kontrollen, die allein der Minimierung des Verwaltungsaufwandes, der Risiken des Vermieters und der Beschaffung von Informationen für die Geschäftssteuerung dienen - "optimales Prozessmanagement und maximale Kostenkontrolle" eben. In anderen Worten: Statt kaputte Wasserleitungen zu reparieren haben die "Objektbetreuer" den Job mit den weissen Vonovia-Transportern von Objekt zu Objekt zu fahren und die Nebenkosten in die Höhe zu treiben indem sie sich dort zu neuen "Instandhaltungsmaßnahmen" inspirieren lassen, die den Mietern in Rechnung gestellt werden können. Baum- und Hydrantenkontrollen zum Beispiel.‘ [5]
So beauftragt der Konzern sich selber mit Diensten, über dessen Notwendigkeit er selbst entscheidet. Zahlen müssen das dann die Mieter*innen, die mit überhöhten dubiosen Nebenkostenabrechnungen zu kämpfen haben. [6] „[I]n Dresden und auch in einer Hamburger Wohnanlage wurde der Winterdienst um 1900 Prozent teurer“, so ein besonders krasses Beispiel aus dem Spiegel [7].

Solidarität mit der Liebig34!
Die „Liebig34 ist ein selbstorganisiertes anarcha-queer-feministisches Hausprojekt, direkt am ‚Dorfplatz‘ in Friedrichshain. Das Haus wird von verschiedenen Kollektiven genutzt; dem Infoladen ‚Daneben‘, der L34-Bar und dem anarcha-queer-feministischen Wohnprojekt, das sich ohne cis-Männer organisiert.“ [8] Das Haus wurde 1990 besetzt, 1999 zum Frauen- und Lesbenprojekt und später dann FLINT* [9] Raum. Nach einem gescheiterten Kaufversuch wurde 2008 ein 10 Jahre langer Pachtvertrag vereinbart. Da dieser nun ausgelaufen ist und der neue Besitzer Gijora Padovic, „dem nachgesagt wird in Berlin bis zu 2000 Häuser zu besitzen und der gezielt Hausprojekte aufkauft und zerstört hat“ [10], das Projekt raus haben will, läuft nun ein Gerichtsprozess gegen die Liebig34. Der erste Termin fand bereits statt, der zweite wäre eigentlich diesen Montag gewesen, wurde aber auf Januar verschoben. Wir wollen diesen Zeitraum nutzen, um den Druck weiter zu erhöhen. Denn die Liebig34 bleibt. Punkt.

Was ist genau passiert?
Wir haben, wie bei der ähnlichen Aktion einer FAZ in Hamburg in diesem Monat, einen Grillanzünder genutzt, um das Fahrzeug zu zerstören. Genauere Informationen dazu findet ihr im entsprechenden Artikel zur Aktion. [11] Bei der Aktion wurden aber auch die Nachteile dieser sehr einfachen Methode deutlich. Mensch muss mit einer Flamme hantieren, die meist von irgendeiner Seite für Vorbeilaufende oder Anwohner*innen direkt sichtbar ist. Dadurch entsteht gerade in belebten Straßen ein höheres Risiko als bei der Nutzung von zeitverzögerten Methoden, wobei letztere eine aufwendigere Vorbereitung bedeuten. Zudem kann der Brand sehr leicht gelöscht werden, indem der Grillanzünder entfernt wird oder ein kleiner Feuerlöscher von Aktivbürger*innen gezückt wird. Wir gehen davon aus, dass ein solches Szenario sich auch in dieser Nacht abgespielt hat, was für den geringen direkten Effekt der Aktion sorgte.
Ein weiteres Problem, das uns immer wieder auf Aktion begegnet, sind kleine Unwägbarkeiten. Zum Beispiel ein abgeschlossenes Tor auf dem Weg zur Aktion, das tagsüber beim Scouten [12] noch offen war. Oder eine Streife, die wegen irgendetwas Anderem zum falschen Zeitpunkt in der Nähe steht. Eigentlich kein Problem, aber manchmal dann doch nötig abzubrechen und letztlich nicht zu vermeiden. Es kann immer etwas schief gehen und dann klappt es eben einmal nicht. Lieber die Aktion abbrechen, als dass wenn etwas schief geht, Leute erwischt werden, weil zum Beispiel wichtige Minuten verloren gehen, um auf dem Rückweg über das Tor zu klettern.

Und nun?
Ein Text zu einer nicht komplett erfolgreichen Aktion? Ja, das finden wir auch wichtig sichtbar zu machen. Denn mal ehrlich, es klappt bei keiner Gruppe jede Aktion und wir brauchen zwar keine hundert Texte in denen steht, was alles nicht geklappt hat. Wenn aber immer nur von Erfolgen geschrieben wird, vermittelt das den Eindruck, dass Scheitern nicht normal und möglich ist.
Es hat nicht so geklappt, wie es unser Ziel war. Aber wir haben daraus gelernt und auch das stärkt uns. Wir wollen lernen besser mit Frustration und dem Scheitern von Aktionen kollektiv umgehen zu können. Das ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen wollen, genauso wie Ehrlichkeit und ein Vermeiden von perfektionistischer Selbstdarstellung, wie das bei uns alles immer perfekt läuft. Nächte gibt es genug, wir bleiben unvorhersehbar.

Es war ein heißer Herbst, besonders für Immobilienfirmen. In vielen Städten wurden für einige Zeit wöchentlich bis täglich Akteur*innen der Verdrängung angegriffen. [13] [14] Daran haben wir angeknüpft und wollen noch mehr Menschen zu weiteren Taten inspirieren. Lasst uns gemeinsam der Logik der Verdrängung etwas entgegensetzen. Feurig in der Nacht, aber auch tagsüber durch den Aufbau solidarischer kollektiver Strukturen jenseits der herrschenden Logik. Weiter geht‘s!

Finger weg von der Liebig34 und allen anderen bedrohten feministischen Freiräumen!
Burn patriarchy down to its ground!

Gruß und Kuss,
eine Feministische Autonome Zelle (FAZ)

Weiterlesen

zum Thema Häuserkampf, Wohnungsnot & Recht auf Stadt:

zum Thema Feminismus: