[FAZ] Advent, Advent (d)ein Auto brennt! Antifeministische evangelikale TOS in Tübingen angegriffen

veröffentlicht am 30. Dezember 2019

Während die meisten sich vom vorweihnachtlichen Konsumrausch erholen und die freien Tage fröhlich um einen abgesägten und mit Plastik versehenen Baum sitzen, haben wir, eine Feministische Autonome Zelle (FAZ), uns entschieden diese symbolträchtige und für Aktionen angenehm ruhige Zeit zu nutzen, um auf einen überregionalen antifeministischen Akteur, die Tübinger Offensive Stadtmission (TOS), hinzuweisen und diesen mit Farbe und Feuer anzugreifen. Dabei wurde das Foyer des TOS Gemeindezentrums mit lila Farbe eingedeckt und ein Kleinbus der reaktionären evangelikalen Gruppe niedergebrannt.

Auf den ersten Blick ist die TOS ein Haufen harmloser übereifriger Christen, die sehr viel Beten und ein Faible für große Shows haben. Die reaktionären Inhalte werden gut versteckt. Teils werden mit dem offensiv nach außen beworbenen Bemühungen gegen Antisemitismus auch fortschrittliche geradezu emanzipatorische Einstellungen als Fassade aufgebaut. Ohne behaupten zu wollen, dass das Engagement gegen Antisemitismus nicht ernst gemeint ist, ist die TOS keine antifaschistische Gruppe. Stattdessen grassieren in der TOS koloniale Kontinuität, antifeministische Einstellungen und reaktionäre Grundstimmung.

Wer ist die TOS?
Die TOS (Tübinger Offensive Stadtmission) hat sich seit der Gründung Ende der Achtziger von einer lokalen Kleingruppe zu einem internationalen evangelikalen Netzwerk entwickelt. In Deutschland besitzt sie Gemeinden in Tübingen, Leipzig, Tailfingen, Halle und Uckermünde, darüber hinaus in acht weiteren Ländern, vor allem im Nordosten und Südamerika. Das Angebot der TOS geht dabei weit über Gottesdienste hinaus. Sie betreibt Waisenhäuser in Südamerika, Rehabilitationszentren für Drogenabhängige und bietet allerlei andere soziale Dienste an. Diese Erweiterungen bieten der TOS dabei die Möglichkeit offensiv weitere Mitglieder anzuwerben. Auch wenn wir den Einfluss der TOS nicht überschätzen wollen, sehen wir doch die internationale Ausbreitung, eine beachtliche Finanzierung (z.B. Geld für 74 Vollzeit-Stellen [1]) und eine starke online Präsenz (z.B. an die 1 Mio. Views auf Youtube), sowie erfolgreiche Strategie der Selbstverharmlosung und die erfolgreiche Selbstdarstellung als vermeintlich antifaschistischer Akteur durch unter Anderem die Märsche des Lebens in vielen Ländern als Hinweise, dass die TOS ernster genommen werden sollte als reaktionärer Akteur. Daher wollen wir zum einem mit unserem Angriff auf den Hauptsitz der TOS dieser direkt etwas entgegensetzen und zum anderen deren problematische inhaltliche Ausprägung ans Licht bringen und thematisieren.

Die TOS ist nicht einfach eine harmlose Glaubensgruppe, sondern geprägt durch eine hierarchische Struktur und bedingungslosen Gehorsam und Pflichten. [2] Die TOS sieht sich selbst in einer Tradition christlicher Missionare und agiert im Rahmen des in evangelikalen Kreisen beliebten Konzepts der ‚geistlichen Kriegsführung‘, heißt gezielte Einflussnahme auf gesellschaftliche Prozesse. Das kann ulkig wirken, wenn die TOS beispielsweise die Stadt Titisee im Schwarzwald als von einer dämonischen Macht dominiert sehen [3]. Doch bei genauerem Hinsehen geht es dann unter dem Motto „Armee des Feuers“, um die Entsendung von „[m]indestens 300 Personen, so die Vorstellungen der Freikirche, sollen im Sommer einen Monat lang an 30 Orten im Schwarzwald "Gemeindegründungszellen" aufbauen, "die Mauern im Gebet einreißen" und die Region "prophetisch einnehmen".“ [4] Das wirkt nicht mehr so witzig. Die martialische und aggressive Sprache, sowie eine Tendenz zunehmender Einflussnahme evangelikaler Institutionen des Alltags finden wir besorgniserregend. So beschreibt Annette Kick dieses Konzept „Sie suchen Einfluss in vielen Bereichen der Gesellschaft, vor allem, wenn es um Kinder, Jugendliche und Familien geht. Sie schätzen ihre Möglichkeiten, das gesellschaftliche und politische Klima zu verändern, oft extrem hoch ein.“ [5]

Antifeminismus
Wie bereits beschrieben sind die wirklichen Einstellungen gut versteckt. Wer ein wenig genauer hinschaut findet jedoch schnell Hinweise auf reaktionäre politische Einstellungen. Jobst Bittner, TOS Pastor in Tübingen, der mit seiner Ehefrau Charlotte Bittner die TOS gründete, beschreibt in einem Blogeintrag zu den 2020ern John Wimber als glorreichen Propheten. [6] Wimber hatte ein dezidiert antifeministisches Geschlechterbild. Seiner Meinung nach definierte die Bibel die Rolle des Ehemanns als Anführer in der Ehe, Familie und Kirche mit unhinterfragbarer Autorität und die Ehefrau als gehorsame Gehilfin. [7] Passend dazu schreibt Bittner weiter im Text „Wimbers Analyse war gleichzeitig herausfordernd und von prophetischer Schärfe: Individualismus, so Wimber, gedeihe in einer Atmosphäre, die jede Form von Autorität hinterfragt und leugnet. Es gebe aber für uns Christen keine andere Grundlage als die Autorität Jesu und die der Bibel!“ [8] Hier lässt sich schon erahnen wie wenig Fundament die angebliche antifaschistische Haltung der TOS innehat. Wer kollektiven bedingungslosen Gehorsam unter einer männlich phantasierten Führungsgestalt als ‚prophetische‘ Botschaft feiert und im selben Artikel vor einer faschistischen Bedrohung warnt, hat vieles nicht verstanden. Auch wenn Bittner gleich versucht Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er schreibt „Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und ein geheiligtes Leben werden sektiererisch und fundamentalistisch genannt werden.“ [9], wollen wir genau das tun, was die TOS so bemüht ist zu verhindern. Die menschenfeindliche, missionarische und autoritäre Ideologie, die ihr grundlegend ist, zu benennen.
Des Weiteren praktiziert die TOS die ‚Heilung‘ von Homosexualität durch Beten [10] und positioniert sich zugleich in Mitteilungen gegen Homophobie. [11] Das kann dann nur noch als gezielte Desinformationsstrategie gesehen werden. Bei der „Awakening Fire“ Konferenz an Ostern 2020 in der Tübinger Paul-Horn-Arena wird die Band „Könige und Priester“ spielen. [12]/ Diese traten auf dem Berliner Marsch für das Leben 2018 auf, [13] einer der größten antifeministischen Veranstaltungen von Abtreibungsgegner_innen in Deutschland.

Profit durch Wunderversprechungen
Das TOS Zentrum, das wir angegriffen haben, besitzt einen sogenannten „Healing Room“, indem Wunderheilungen – gegen jede Menge Geld versteht sich – angeboten werden. [14] Auf diese Weise wird Menschen, die bereits durch Krankheiten leiden, mit falschen Versprechungen Hoffnung gemacht und das Geld aus der Tasche gezogen. Im schlimmsten Fall gehen die Menschen dann nicht einmal mehr zum Arzt und verlassen sich ganz auf diese Versprechen. Eine dieser Veranstaltungen beschreibt Annette Kick wie folgt: „‘It’s so easy‘, sagte er [Heiler Charles Ndifon, Anm. FAZ] unentwegt. Er machte von der Bühne aus nur noch die Feststellung, welche Krankheiten in welcher Ecke des Zeltes gerade geheilt würden. Danach forderte er diejenigen, die sich gemeint fühlten, auf, nach vorne zu kommen. Vorne an der Bühne wurden von Helfern diejenigen aussortiert und zurückgeschickt, die eindeutig schwere Krankheiten hatten, z.B. im Rollstuhl saßen. Auf der Bühne demonstrierte er dann die erfolgten Heilungen; wenn seine Demonstrationen nicht gelangen, verspottete er die Kranken, die angeblich nur simulierten.“ [15]

Koloniale Kontinuität
TOS Mitgründer Jobst Bittner schreibt am 7.12.2019 auf seinem Blog zum Tode Reinhard Bonnkes: [16]"Es hat kaum jemanden gegeben, der so ein Vorbild des Glaubens war, wie Reinhard. Er hat mein Leben und Dienst geprägt und ich bin voller Dankbarkeit für sein Leben. [...] Lasst uns nicht nachlassen, seinem Vorbild zu folgen!"
In einer Reportage der Zeit wird Bonnke wie folgt beschrieben "Reinhard Bonnke kommt aus Frankfurt am Main. Er will Afrika mit dem Blut Jesu reinwaschen. […] Bonnke sagt, er sei der "Mähdrescher Gottes"." [17]
Reinhard Bonnke ist fanatischer Missionar, der die „Ungläubigen“ ‚Afrikas‘ bekehren will. Dazu war er sich nicht zu schade, ähnlich wie die TOS, Wunder zu vollbringen: „Blinde können sehen, Lahme gehen, Stumme sprechen – solange sie keiner medizinischen Untersuchung unterzogen werden.“ [18] Er sieht sich dabei, wie seine Selbstbezeichnung als „Mähdrescher Gottes“ deutlich macht, als Teil einer „geistlichen Kriegsführung“ und führt wie so viele andere evangelikale damit das katholisch-koloniale Erbe der „aggressiven Bekehrungsidee“ weiter. [19] Diese religiös aufgeladene Hetze und Feindschaft gegenüber vor allem dem Islam führten bereits zu Unruhen und massiven Spannungen, wie 1991 in Nigeria. [20] Evangelikale Missionare heizen verantwortungslos die Stimmung auf, machen dabei Unsummen an Geld und provozieren mit etwas Pech einen Bürgerkrieg. Vorkoloniale Religionen und Spiritualität werden ganz in kolonialer Manier als dämonisch bekämpft. Hier liegt auch eine Verbindung zu Rechten, vor allem in den USA, vor. So schreibt die TAZ: "[e]s ist kein Zufall, dass amerikanische Tele-Evangelisten an vorderster Front stehen. Viele Kampagnen im fernen Afrika werden von christlichen Fundamentalisten aus den USA bemannt und finanziert, sie treten auf als Glaubenskrieger der religiösen Rechten, die sich im globalen Endkampf gegen den Antichristen wähnen." [21]
Da Bonnke praktischerweise jede Kritik außerhalb evangelikaler Kreise als irrelevant ansah, brauchte er sich auch in keinster Weise kritisch mit seinen Machenschaften auseinandersetzen. [22] Wenn der Leiter der TOS Bonnke diesen Dezember also zum Vorbild erklärt, wird sehr deutlich, was das eigentliche Wesen der TOS ist.

Fazit
An sich wäre in einer so ruhigen Nacht wie Weihnachten mit Sicherheit mehr möglich gewesen an Aktionen. Wir haben uns jedoch für eine schnelle und kombinierte Aktionsform entschieden, die zum einen das saubere Image der TOS nach außen mit lila Farbe durch einen Feuerlöscher in Frage stellen und zum anderen praktischen Schaden bei der TOS erreichen soll, indem ihr Transporter zerstört wurde. Da wir feststellten, dass in einem der Gebäude Menschen waren, haben wir davon abgesehen Fahrzeuge in der Nähe von Gebäuden anzugreifen und die Gebäude mit Menschen komplett aus der Aktion ausgeklammert. Da nach Eigenangaben an mehreren Orten der TOS 24/7 Gebete stattfinden, muss bei Aktionen darauf geachtet werden, dass die Menschen in den Gebäuden nicht gefährdet werden.
Da der Transporter weit von jedem Gebäude entfernt war, konnten wir eine Gefährdung ausschließen und haben uns mit der Farbe für ein leises und durch den Feuerlöscher auch schnell großflächig sichtbares Aktionsmittel entschieden. Die TOS ist dieses Weihnachten nicht zum ersten Mal angegriffen worden. So wurde beispielsweise im Frühjahr 2018 das Leipziger Gemeindehaus von Feminist_innen angegriffen. [23] Wir würden uns über weitere Aktionen gegen antifeministische Institutionen und Akteure freuen. Denn diese gibt es überall - bildet Banden – macht sie platt!

Gruß und Kuss,
eine Feministische Autonome Zelle (FAZ)


[2Kick, Annette: Christlicher Fundamentalismus:„Bibeltreue“ Christen in Kirche, Politik und Gesellschaft, online
abrufbar unter https://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/2007.pdf

[3Kick, Annette: Christlicher Fundamentalismus:„Bibeltreue“ Christen in Kirche, Politik und Gesellschaft, online
abrufbar unter https://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/2007.pdf

[5Kick, Annette: Christlicher Fundamentalismus:„Bibeltreue“ Christen in Kirche, Politik und Gesellschaft, online
abrufbar unter https://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/2007.pdf

[15Kick, Annette: Gesundheit als „Christenpflicht“! Online verfügbar auf
https://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/gesundheit_als_christenpflicht_heilungsbewegungen.pdf

[18Ebd.

[19Ebd.

[21Ebd.

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