Corona und der kommende Aufschwung

veröffentlicht am 13. April 2020

Eine Kurzanalyse der Gruppen gegen Kapital und Nation über den kommenden Aufschwung nach der Corona Krise.

Deutschland hält sich einen Rat der Wirtschaftsweisen, der der Regierung beratend zur Seite steht. Der hat am 30.03.2020 ein Sondergutachten herausgegeben. Pflichtbewusst haben sich die Wirtschaftsweisen bemüht, möglichst keine Differenzen untereinander aufkommen zu lassen. Der wissenschaftliche Meinungsstreit muss da mal ein wenig Pause machen, damit die nationale Gemeinschaft nicht verunsichert wird. Für die haben sie gleich noch eine frohe Botschaft:

Das erste Wirtschaftsquartal war recht gut, das zweite Quartal wird zwar ein deutliches Minus bringen , aber die Wirtschaft wird im Herbst 2020 voraussichtlich wieder durchstarten. Insgesamt wird das zwar noch kein Wirtschaftswachstum für 2020 bringen, dafür sollte 2021 sogar mal eine 3%-Steigerung drin sein.

Dass die Gesamtwirtschaft nicht so sehr den Bach runter gehen muss, mag den Staat und die großen, liquiden Unternehmen beruhigen. Ob sich das für all diejenigen auszahlt, denen a) die Unternehmen mit Lohnsenkungen die Rechnung präsentieren werden oder die b) nach der Kurzarbeit dann doch in der Arbeitslosigkeit hocken, oder c) deren Selbstständigkeit sich schließlich doch nicht als so selbstständig herausstellt, kann man dagegen stark bezweifeln.

Daran merkt man, dass „Das Wirtschaftswachstum“ eine recht brutale Abstraktion ist, die alle geldmäßigen Resultate der Produktion und der Dienstleistungen zusammenaddiert. Wenn die Unternehmen nur milde von der Krise betroffen wären, weil der Staat ihnen Überbrückungskredit gewährte und sie hinterher den Beschäftigten abverlangen, diesen Kredit und vor allem eine zukünftige Gewinnbilanz mit vermehrter Arbeitsleistung und Lohneineinbußen wettzumachen, wird sich das schon in den Wirtschaftswachstumszahlen äußern.

Wenn das gut klappt, fallen auch nicht all die Selbständigen ins Gewicht, die sich mit Mühe etwa ein Café als Geldverdienstmöglichkeit aufgebaut haben und nun aufgeben müssen. Im Wirtschaftswachstum tauchen die Verlierer der Konkurrenz eben nicht mehr auf.

Davon abgesehen, ist das beruhigende Hauptargument der Wirtschaftsweisen gelinde gesagt mutig:

„Sollten die aktuellen massiven Einschränkungen in Wirtschaft und öffentlichem Leben nicht allzu lange anhalten, halten sie aber auch eine relativ schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft für wahrscheinlich. ‚Es ist nicht wie in einem Krieg, wo der Kapitalstock zerbombt wäre und die Arbeiter an der Front sind‘, sagte der Wirtschaftsweise Volker Wieland.“ (Quelle eingesehen am 30.03.2020: https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/virus-sorgen-wirtschaftsweise-schwere-rezession-durch-corona-krise-unvermeidbar-8684131)

Dieser Hinweis gilt für jede ökonomische Krise in der kapitalistischen Wirtschaft. Während der großen Weltwirtschaftskrisen 1929 und 2008ff. gab es ja auch keinen Krieg (jedenfalls keinen, der in den Hauptländern des globalen Kapitalismus selbst geführt wurde. Wohl aber von ihnen in anderen Weltteilen: Denn Kriege gehören zur kapitalistischen Weltordnung dazu - 1929, 2008 und auch 2020). Auch bei den ganz herkömmlichen Konjunkturkrisen gab es so gesehen keinen Krieg. Um Fabriken zu schließen und Leute zu entlassen, braucht es eben weder Bomben noch Viren. Es ist die Verrücktheit der kapitalistischen Krisen, dass sie eintreten, wenn die Maschinen im Laufe eines Wirtschaftsaufschwungs immer weiter verbessert wurden und zu Beginn der Krise ihrer Qualität nach jeweils auf dem höchsten Stand sind und massenweise in Fabriken rumstehen. In einer Krise wird die Produktion runter gefahren und zugleich Arbeitskräfte massenhaft entlassen, weil die Profitrechnungen haufenweise nicht aufgehen. Und nicht etwa, weil man stofflich bei der Herstellung nützlicher Sachen Schwierigkeiten hätte.

In einer Krise werden dann keine Maschinen vernichtet, sehr wohl aber deren Kapitalwert. Einige Betriebe gehen darüber Pleite und die Gläubiger können ihre Schuldforderungen an diese Betriebe abschreiben. Manche Produktionsstätte wird daher auch tatsächlich dauerhaft stillgelegt, was die Profitabilität der direkten Konkurrenzunternehmen wieder befördert. Manche Pleite-Unternehmen werden aber von denjenigen Unternehmen, die die Krise vergleichsweise besser überstehen, schlicht übernommen. Eine billig erstandene Fabrik ohne die alten Schuldverpflichtungen ist dann ein guter Ausgangspunkt, um sie als Profitmaschine nach der Krise wieder zu benutzen. Das Geld für diese Übernahme kommt freilich wieder als Leihkapital aus der Finanzwelt, so dass mit dem kommenden Aufschwung der ganze Zirkus von vorne losgehen kann: Eine Fabrik stellt Arbeiter*innen (wieder) ein, damit die Mischung aus möglichst kleinem Lohn und möglichst langer Arbeit den Gewinnanspruch der Fabrik-Eigentümer*in und der Banken befriedigt.

Die Wirtschaftsweisen erlauben sich also in ihrer „frohen“ Botschaft den „Kapitalstock“ von seinem Gewinnzweck zu trennen und so zu tun, als ginge es nur um die Nützlichkeit, also den Gebrauchswert der Fabriken.

Ginge es um die planvolle Produktion von notwendigen nützlichen Gütern für die Bedürfnisbefriedigung der Leute, dann müsste sich tatsächlich niemand über den Herbst 2020 Sorgen machen – bis eben auf die Gefahr, sich diesen blöden Virus einzufangen. Denn dann produziert man erstmal alles Notwendige für ein angenehmes Leben, und könnte dann weiter schauen, ob man sich für viele andere nette Güter auch noch anstrengen will, oder ob man nicht lieber mehr Freizeit und entsprechend weniger Arbeit haben will. Die Fabriken wären da und Arbeitskräfte gäbe es auch noch.

In dieser Gesellschaft aber gilt: Mal gucken, wohin die Geldvermehrungsrechnungen der Unternehmen führen, wenn es wieder los geht und die neuen Überbrückungs-Kredite zusätzlich zu den schon längst gemachten abgearbeitet werden müssen. Das Abarbeiten im eigentliche Sinne des Wortes dürfen dabei natürlich die lieben Lohnabhängigen machen.

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