Chronik der Revolte gegen die durch Corona noch weiter verschärfte Wirtschaftskrise

veröffentlicht am 4. Mai 2020

Bericht vom 28.04. – Die Revolte ist stärker als ihre Ausgangssperre

Im Libanon, auch wenn die Quarantänebestimmungen [confinement], die am 14. März eingerichtet worden waren, diesen Montag ihr Ende nahmen, sind die Maßnahmen der „Entquarantänisierung“ [dé-confinement] nicht weniger drastisch, insbesondere mit der Einrichtung einer Ausgangssperre. Dies konnte dennoch nicht verhindern, dass sich die Straßen entflammten (insbesondere die Banken). Am Abend des Montags, den 27. April in Tripolis, im Norden des Landes, haben tausende Personen den Quarantänebestimmungen und der Ausgangssperre getrotzt, indem sie auf die Straße gingen, um zahlreiche Banken anzuzünden und sich den bewaffneten Milizen des Staates zu stellen. Mindestens ein Militärfahrzeug brannte durch den Wurf eines Molotowcocktails ab. Die Repression durch die Armee ist heftig: 40 Personen mussten ins Krankenhaus und ein junger 26-jähriger Mann starb, nachdem er während Auseinandersetzungen mit den Militärs durch eine Kugel verletzt worden war.

Männer, Frauen und Kinder marschierten in den Straßen und schrien „Revolution! Revolution!“. Die Protestierenden wurden in dem Moment von der Armee zurückgedrängt, als sie zum Haus eines Parlamentariers wollten, demgegenüber sie feindlich sind. Einige haben Steine geworfen, die Armee antwortete mit Schüssen in die Luft, um die Menge in der Zone rund um den Al-Nour-Platz zu zerstreuen. Unter anderen wurden ein Jeep der Armee und mehrere Bankfilialen durch den Wurf von Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.

Am selben Abend wurden die Räume der Zentralbank in Sidon (im Süden) Ziel von Stein- und Böllerwürfen, wie die nationale Informationsagentur berichtete. In derselben Stadt war bereits am Samstag abend ein Sprengsatz gegen eine Bank geworfen worden.

Die letzten Tage hatte es tagsüber mehrere Demonstrationen gegeben, insbesondere durch Autokolonnen in der Hauptstadt, trotz der Quarantänebestimmungen, die am 14. März durch die Autoritäten ins Lebens gerufen worden waren, die auch eine nächtliche Ausgangssperre etablierten.

Am Abend des 26. April wurden mehrere libanesische Banken in Tripolis und Mina (im Norden) durch Unbekannte angegriffen. Diese Angriffe bildeten die Fortsetzung von ähnlichen Ereignissen in Tyr und Saïda im südlichen Libanon, im Laufe des Wochenendes, während der Libanon mit seiner schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 30 Jahren konfrontiert ist. Des Nachts hat ein Gruppe Personen die Fassade der Bank Byblos in Mina angegriffen, ehe sie die Flucht ergriff. Im Zentrum von Tripolis, sind es die Filialen der BLOM Bank und der BBAC, die Ziel von Molotow-Cocktails wurden, die Männer, die Schutzmasken trugen, warfen. […]

„Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um weiter stehlen zu können“, skandierten am 16. April Demonstrierende, ehe sie von den Streitkräften der Armee niedergeprügelt wurden.

Der Libanon hatte am 17. Oktober 2019 eine große Bewegung der Revolte erlebt, bei der der Al-Nour-Platz in Tripolis während langer Monate das Nervenzentrum der Revolution vom 17. Oktober gewesen war: an bestimmten Tagen waren Hunderttausende im ganzen Land auf die Straße gegangen, um ihre Wut herauszuschreien und danach zu handeln. Die Banken wurden regelmäßig Ziel, von der Straße der Komplizenschaft mit der politischen Macht beschuldigt und beschuldigt zur ungebremsten öffentlichen Verschuldung und dem Staatsbankrott beigetragen zu haben. Seit Monaten grassiert eine sehr schwere Wirtschaftskrise im Libanon, die durch die Coronapandemie und die Präventionsmaßnahmen, die darauf folgten, noch verschlimmert wurde.

Circa 45 % der Bevölkerung lebt laut offiziellen Schätzungen inzwischen unter der Armutsgrenze. 2020 sollte die Wirtschaft laut internationalem Währungsfond eine massive Schrumpfung von 12 % erleben. Der Libanon erfährt auch eine Abwertung seiner nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, was eine heftige Inflation zur Folge hatte.

Der Coronavirus ist die geringste aller Sorgen der Libanes*innen, die verhungern. Die Gesamtanzahl an Personen, die sich seit dem 21. Februar am Virus angesteckt haben, beläuft sich auf 672. Und bisher gab es 21 Tote.

[Überwiegend vom „L’Orient-Le Jour“ vom 28.04.2020 übernommen, mit einigen Ergänzungen von Démesure.]

Aus dem Französischen übersetzt von Sans Attendre Demain.

Quelle: https://zuendlumpen.noblogs.org/post/2020/05/01/libanon-chronik-der-revolte-gegen-die-durch-corona-noch-weiter-verschaerfte-wirtschaftskrise/

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