Aus den Lagern auf zur Arbeit!

veröffentlicht am 27. März 2020

Wut macht sich breit bei dem Vorschlag, das Arbeitsverbot für Asylbewerber_innen für den Spargelgenuss als Saisonarbeit auszusetzen. Ein weitere Maßnahme in Zeiten von Corona, die vor Menschenverachtung strotzt und in rassistischen Logiken verhaftet bleibt.

Mitten in den stündlich neuen Wirrungen in Zeiten von Versammlungsverbot und Coronaangst in einem unterfinanzierten Gesundheitssystem bekommen deutsche Spargelfreunde einen kalten Schweißausbruch. Wer sticht denn das leckere Festmahl? Nun hat es also endlich geklappt, dass Dank einer „uns“ zusammenschweißenden Angst Grenzschließungen durchgesetzt und Einreisen aus dem Süden abgewehrt sind. Doch aus dem Süden kamen doch auch traditionell die unterbezahlten Arbeitskräfte. Besonders für die Ernte war das gern gesehen, da die Saisonarbeitsverträge ja auch dafür sorgten, dass nach getaner Arbeit wieder zurück in den Süden migriert wird. Immerhin, Saisonarbeit ist nicht sozialversichert, dank Corona soll die Arbeit auch nicht mehr auf maximal zehn Stunden pro Tag begrenzt sein. Aber wer macht‘s?

Es muss eine Lösung her. Naheliegend also zu überlegen, wer denn noch aus dem Süden kommt, aber schon im Inland ist, wer wenig Arbeitsrechte hat, nicht zB gewerkschaftlich organisiert ist und in einer wirtschaftlichen Zwangslage ist. So dachte Landwirtschaftsministerin Klöckner folgerichtig an die Asylbewerber_innen. Besonders interessant erscheinen ihr hierbei diejenigen aus sicheren Herkunftsstaaten, die über keine Bleibeperspektive verfügen, mit denen also das „Risiko“ einer Anschlussperspektive im Arbeitsmarkt gering gehalten werden kann. Problematisch nur, dass diesen ja bewusst ein Recht auf Arbeit verwehrt wird, damit nicht im Falle einer anstehenden Abschiebung, die Kolleg_innen sich gemeinsam mit der abzuschiebenden Person für eine Bleibeperspektive einsetzen. Klöckner schlägt also für Verhandlungen mit Herrn „Die Migration ist die Mutter aller Probleme“ Seehofer direkt vor, das Arbeitsverbot für diese neu zu gewinnenden Arbeitskräfte nur befristet für die Zeit der Ernte auszusetzen.

Da sitzt ein Mensch also irgendwo fern ab von gesellschaftlicher Infrastruktur in einem Lager, womöglich mit Residenzpflicht. Ihm wurde vielleicht gerade sein „Taschengeld“ des Asylbewerberleistungsgesetzes sanktioniert, so dass er mit Gutscheinen seinen Reis bei dem teuren REWE kaufen muss. Zur Behandlung seines schmerzenden Beines bekommt er Paracetamol statt Physiotherapie, zum Facharzt kann er nicht, weil der zu weit weg ist um mit dem wenigen Geld per Bustour erreichbar zu sein. Seine Familie wartet auf die wöchentlichen Anrufe in der Hoffnung, es möge doch bald Schulgeld für die Schwester geschickt werden, aber der Mensch darf leider nicht arbeiten und kann seine Schwester so nicht unterstützen. Der Mensch in diesem Lager wird seit seiner Ankunft in Deutschland nicht mehr wie ein Mensch behandelt, sein Charakter, seine Interessen, Fähigkeiten und Analysen zu dieser Welt interessieren niemand außerhalb seines Lagers.

Nun sinnieren die Minister_innen über ihn als Arbeitswerkzeug. Er soll ausgeliehen werden aus dem Lager, aus seinem ihm zugestandenen Lebensumstand. Für einen von den Minister_innen entschiedenen Zeitraum. Dann zurückgebracht werden. Die Arbeitskraft aus dem Lager wird nicht mit Schlägen auf das Feld gebracht, doch unter dem Zwang des eigenen moralischen Dilemmas, Schritte außerhalb des beengten Alltags vollziehen zu wollen, der Schwester das Schulgeld schicken zu wollen, aus der Hoffnung heraus, dass er sich vielleicht bewähre, die Deutschen vielleicht von seiner Arbeit und seiner Person überzeugen könne und sich ihm vielleicht eine Chance auf einen Job im Anschluss biete, wenn er doch nur erst mal aus seinem Lager herauskäme.

Mein Magen dreht sich, wenn ich diese unendlich kalte, abgeklärte Logik rassistisch-kapitalistisch-nationaler Logik im Radio sprechen höre. Mit einem so alltäglichen Tonfall, als würde über ein Kochrezept gesprochen. Irgendwie handelt es sich ja auch um ein neu auszuprobierendes Rezept. Die rassistische Logik durchzieht das Leben jeden Moment, sie führt zu Leid, Wut, Ausbeutung und Tod. Es gibt Momente und Strukturen, die dieser Logik täglich etwas entgegensetzen, auch wenn die Logik damit nicht in die Knie gezwungen zu werden vermag. Es gibt Momente der Aufschreie, wie rassistische Morde, denen unglaubwürdige Beteuerungen seitens der Regierenden folgen. Und kurze Zeit danach – bzw. eigentlich natürlich durchgängig – gibt es das Sterbenlassen an den Grenzen im Süden und dann diesen Vorschlag, die Arbeit aus den Lagern für die nationalen Interessen zu den eigenen festgelegten Bedingungen auszunutzen. Klöckners Vorschlag spricht die gleiche Sprache der Lebensunwertigkeit wie vorherige Ereignisse. Sie verdient eine lautstarke Antwort.

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