Antifaschistisch ins neue Jahr – Gegen Nazis an der Uni Wien!

veröffentlicht am 9. Januar 2020

Gegen die Vorlesung des rechten Professors Lothar Höbelt und rechtsextreme Präsenz auf unserer Uni:
Dienstag 14. Jänner, Treffpunkt 15:00 Uhr in der Aula der Uni Wien!

Seit einigen Wochen ist einiges los im Hörsaal 50 an der Universität Wien: Nachdem bekannt wurde, dass der weit rechts stehende Professor Lothar Höbelt bei einer Akademie des rechtsextremen „Freiheitlichen Akademikerverbands“ und des neofaschistischen „Instituts für Staatspolitik“ referieren sollte, organisierten Studierende Proteste während der Vorlesung Höbelts, um diesen Skandal nicht ohne weiteres unkommentiert zu lassen. Nicht nur weil sich die FPÖ auf dieses Thema stürzte und die „Meinungsfreiheit“ durch den antifaschistischen Protest in Gefahr sah, wurden die Ereignisse medial breit rezipiert. Als Reaktion darauf mobilisierten Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur in den Hörsaal 50, um dort, laut eigenem Bekunden, die Vorlesung des rechten Professors vor „Bolschewisten“ zu „schützen“. Neonazi-Schläger in Thor-Steinar-Outfit bildeten gemeinsam mit „Identitären“, Mitgliedern des „Rings Freiheitlicher Studenten“ (RFS) und deutschnationalen Burschenschaftern eine Melange des Grauens, die „offensive Präsenz“ zeigen wollten. Man rühmte sich damit, dass man Zweidrittel des Publikums ausmachte und sich die Uni „zurückholen“ werde. Für den 14. Jänner wird erneut im rechtsextremen Dunstkreis für die Teilnahme an Höbelts Vorlesung mobilisiert. Nun könnte man meinen, für die Faschos sei es Strafe genug eineinhalb Stunden in einer langweiligen Lehrveranstaltung abzusitzen. Doch hinter diesem Aufruf steckt eine Gewaltandrohung gegen linke Studierende, die sich schon an den Drohgebärden einzelner Faschist*innen gegenüber Fotograf*innen zeigte, die die Szenerie im Hörsaal 50 zu dokumentieren versuchten. Rechtsextremismus stellt eine Gefahr für all jene dar, die nicht in dieses rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Weltbild passen. Und die Universität ist kein „unpolitischer Raum“ abseits der Gesellschaft, auch wenn Wissenschaftler*innen gerne eine ominöse „Ideologiefreiheit“ der Forschung betonen. Auch hier wirken gesellschaftliche Herrschafts- und Ausschlussmechanismen. Und ein Blick in die Geschichte verrät, dass die Universität Wien lange Zeit als ein Hort der Reaktion zu gelten hatte.

DIE UNIVERSITÄT IM BRAUNEN SUMPF

„Bei jedem Bummel floss Blut“, schrieb der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig 1910, und meinte damit die Übergriffe deutschnationaler Burschenschafter auf jüdische Studenten während ihrer wöchentlichen Aufmärsche an der Universität Wien. Diese Übergriffe steigerten sich die kommenden Jahre und Jahrzehnte zu pogromartigen Zuständen. Schließlich erblickten die Burschenschafter im „Anschluss“ Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland den „Traum der Deutschen Burschenschaft vom großen Reiche aller Deutschen“, wie die Wiener Verbindung Bruna Sudetia noch 1971 festhielt. Auch heute noch marschieren jeden Mittwoch um 12 Uhr die völkischen Verbindungen des Wiener Korporationsrings (WKR) – trotz jahrelanger antifaschistischer Proteste – an der Rampe vor der Universität zu ihrem Bummel auf. Eine Traditionspflege, an der sich die Uni Wien nicht zu stoßen scheint. Lange Zeit konnte die Universität Wien als Speerspitze des akademischen Antisemitismus gelten. Auch nach dem Nationalsozialismus war es Professoren wie Taras Borodajkewycz möglich, während seiner Vorlesungen offen gegen Juden zu hetzen - unter Applaus von Burschenschaftern und Mitgliedern des RFS. Als Antifaschist*innen 1965 gegen dieses Treiben protestieren und die Entlassung Borodajkewyczs forderten, wurde ihre Demonstration unter „Hoch Auschwitz“-Rufen angegriffen. Dabei wurde Ernst Kirchweger von einem RFS-Mitglied niedergeschlagen und verstarb wenig später an den Folgen der Attacke. Er war das erste politische Todesopfer neonazistischer Gewalt der Zweiten Republik. Bis in die 60er Jahre war der RFS die zweitstärkste politische Kraft an den österreichischen Universitäten. Doch auch nachdem der Einfluss des Rechtsextremismus auf akademischen Boden im Zuge der Demokratisierung und Öffnung der Universitäten zu Beginn der 70er Jahre zu schwinden begann, war er dennoch nicht verschwunden. Als die neonazistische „Aktion Neue Rechte“ (ANR) 1977 zu den ÖH-Wahlen antrat, waren tätliche Angriffe auf antifaschistische Studierende und brutale Überfälle auf linke Lokalitäten keine Seltenheit. Schon zu dieser Zeit spielte man gerne den „Saalschutz“ für rechte Veranstaltungen. Mitglied der ANR war auch der verurteilte Neonazi Gottfried Küssel, in dessen Umfeld auch Martin Sellner seine politische Karriere begann. Nun ist Sellner Wortführer der neofaschistischen „Identitären“, die immer wieder durch gewalttätige Angriffe auf politische Gegner auffällig wurden. Und es ist wiederum Sellner, der sich bei der rechten Mobilisierung zu Lothar Höbelts Vorlesung maßgeblich beteiligt.

DER RECHTE PROFESSOR UND SEINE POLITISCHE BETÄTIGUNG

Der außerordentliche Professor für Neuere Geschichte Lothar Höbelt beschränkt seine politische Tätigkeit nicht auf das Verfassen freiheitlicher Programmschriften und Parteigeschichten, wie zuletzt im FPÖ-Historikerbericht, dem er ganze 77-Seiten beisteuern durfte. Er bewegt sich seit Jahren vielmehr im engen Raum zwischen FPÖ und NS-Verbotsgesetz. So publizierte er in der mittlerweile nicht mehr existenten FPÖ-nahen Zeitschrift „Aula“, deren Schriftleiter 1995 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt wurde und die noch im Jahr 2015 KZ-Überlebende als „Landplage“ bezeichnete. Auch der Festschrift des verurteilten Holocaust-Leugners David Irving, ein Sammelband unter dem Titel „Wagnis Wahrheit“, spendete Lothar Höbelt einen Aufsatz. Erschienen ist dieses Machwerk im rechtsextremen „Arndt-Verlag“, dem sogar der deutsche Verfassungsschutz attestierte, sein Verlagsprogramm bestehe aus Büchern, „in denen die deutsche Kriegsschuld geleugnet und die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert werden“. Doch nicht nur publizistisch scheint Höbelt kein Problem mit der extremen Rechten und notorischen Antisemiten zu haben. So hielt er beim 150. Stiftungsfest der an der Grenze des Neonazismus angesiedelten Münchner Burschenschaft Danubia den Festvortrag oder trat beim Verein „Dichterstein Offenhausen“ als Redner in Erscheinung, welcher wenig später wegen Verstößen gegen das NS-Verbotsgesetz behördlich aufgelöst wurde. Während hierzulande Höbelts politische Betätigung im organisierten Rechtsextremismus die Universitätsbehörden und auch den Großteil seiner Kolleg*innen kaum zu interessieren scheint, zog sich der Historiker auch wiederholt fachliche Kritik zu. So kam es im September 1992 im Rahmen eines Seminars am Germanistikinstitut der Londoner Universität zum Eklat, nachdem Höbelt dort die Österreicher*innen zu „ethnischen Deutschen“ erklärte. Der britische Historiker Robert Knight meinte dazu: „Hinter der Behauptung, Österreich sei ein Teil der deutschen Nation, steckt das ideologische Bekenntnis zum Nationalsozialismus.“

KEIN RAUM FÜR NAZIS AN DER UNI!

Dass Höbelt seine Unterstützung bei deutschnationalen Burschenschaftern, „Identitären“ und der FPÖ findet, ist aus diesen Gründen keineswegs verwunderlich, teilen sie doch die selbe deutsch-völkische Ideologie, die kennzeichnend für den Nationalsozialismus war. Es sind darüber hinaus Burschenschafter, die sich einander in ritualisierter Form die Wangen (und oft mehr) zersäbeln; die sich in strenge Hierarchien einpassen und entlang dieser einander solange demütigen, bis keiner mehr Autorität in Frage stellt; die immer wieder Neonazis Zuflucht bieten oder gleich selber welche sind; die NS-Kriegsverbrechern als ihre „Bundesbrüder“, „Alte Herren“ und „gefallenen Helden“ gedenken; die exklusive männliche Herrschaft an den Unis in schweißig-bierdunstigem Kreis fortleben lassen. Als Studierende, die für eine offene Hochschule und eine Gesellschaft der Freien und Gleichen einstehen, ist die Ankündigung, diese Kreise wollen sich die Uni „zurückholen“, eine offene Drohung. Zeigen wir ihnen deshalb, dass ihr menschenverachtendes Gedankengut weder auf der Uni, noch sonstwo etwas verloren hat! Diese Ideologien zu bekämpfen heißt, nicht mit diesen in den Dialog zu treten oder sie zu ignorieren, sondern sich ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Weg zu stellen - gemeinsam, entschlossen, vielfältig und kreativ!

Die Universität Wien hat nun über Wochen hinweg dem braunen Treiben im Hörsaal 50 tatenlos zugesehen. Sollte die Unileitung weiterhin nichts unternehmen, sehen wir uns gezwungen am 14. Jänner den Lehrveranstaltungsbetrieb auf der Uni zu stören. Denn diese Situation ist nicht nur aus historischen Gründen unerträglich.

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Protest gegen den Mittwochs-Bummel der deutschnationalen Verbindungen an der Rampe der Uni Wien. Treffpunkt um 11:30 Uhr vor der Hauptuni.

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